Mittwoch, 7. Februar 2018

Die neue atheistische Kraft

Wenn es aber schon Religionsunterricht in der Schule gibt, dann möchte ich auch ein Fach Atheismus  haben, in dem man den Kindern erklärt, warum Gottesglauben unwissenschaftlich und naiv ist. Und in dem die Kinder lernen, wieviel Leid in der Menschheitsgeschichte durch Religionen verursacht wurde. (der neue Landesvorsitzende der AfD in Sachsen, Jörg Urban, in einem Post auf der facebook-Seite der "Welt" am 31. Oktober 2017)

Dienstag, 16. Januar 2018

Wer von christlicher Politik träumt,wird sich mit einer "Kleinpartei" begnügen müssen.


W.E.v.K Der Löwe von Mainz
Game over: Null Punkte.


Ich gebe mich nicht mehr der Illusion hin, daß christliche Politik, die wirklich etwas bewegt, noch möglich ist. Die politischen Niederlagen, die engagierte Christen in der Politik allein in den letzten fünfzig Jahren hinnehmen mußten, zeigen, daß die Einflußmöglichkeiten für Christen in der Politik parallel zu den Einflußmöglichkeiten von Christen in der Öffentlichkeit gegen Null tendieren.

Die Christdemokratie, von ihrem Anspruch als Verteidigerin des "christlichen Sittengesetzes" angetreten, hat letztenendes versagt. Politisch engagierte Christen sollten sich eingestehen, daß der Versuch, innerhalb der etablierten Parteien zu wirken, auch innerhalb von CDU und CSU, gescheitert ist. Die Alternative, auch da sollten wir illusionslos sein, ist eine Kleinpartei. Wir müssen uns auf absehbare Zeit damit begnügen, auf dem Wahlzettel ein Kreuz bei einer Partei machen zu können, die wenigstens das Prädikat "christlich" für sich in Anspruch nehmen kann, Eine Chance auf Teilhabe gibt es für uns nicht mehr.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Die "Alternative (für Deutschland)" halte ich nicht für eine Alternative, schon gar nicht für eine christliche.  

Das Konzept "Sammlungspartei", das das Konzept der CDU/CSU war, ist gescheitert. In Wahrheit hat diese Sammlungspartei nur mit zeitlicher Verzögerung den antichristlichen Zeitgeist nachvollzogen. Sie hat die "Déchristianisation" bestenfalls gebremst, statt sie zu verhindern.

Ein Blick zurück

Ich blicke nun auf mehr als 50 Jahre politischen Bemühens zurück. Ich sehe keinen Fortschritt zum Besseren.  Nur beispielhaft sei hier die Entwicklung von Familie, Religion und Familienrecht genannt.

Die unmittelbare Nachkriegszeit wird heute als das "golden age of marriage" bezeichnet, oder anders gesagt als das goldene Zeitalter der christlichen Ehe und Familie. Nie war die Zahl der Eheschließungen so hoch und die Zahl der Scheidungen so gering, die optimalen familiären Bedingungen sorgten gleichzeitig für den sogenannten Baby-Boom bis Anfang der sechziger Jahre.

Auch der Bevölkerungsanteil der Mitglieder der christlichen Konfessionen lag 1950 bei nahe 100%. Doch der Bevölkerungsanteil der beiden großen christlichen Konfessionen ging von 1951 bis 2016 von 96,4 % auf heute 55% zurück.

Je weniger Christen aber, um so weniger auch - der Form nach - christliche Ehen. Kamen in den 50iger Jahren auf mehr als zwölf Eheschließungen nur eine Ehescheidung, so kamen in den 2000er Jahren weniger als zwei Eheschließungen auf eine Ehescheidung. Lag die Zahl der Eheschließungen 1950 bei rund 750.000, liegen sie heute bei weniger als 400.000. Lag die Zahl der Geburten in den 60igern bei bis zu 1,3 Mio, liegt sie heute bei  um 700.000, ein Drittel der Kinder werden als Kinder unverheirateter Mütter geboren.

Die Straße ins Nirgendwo

Die christlichen Sammlungsparteien setzten dieser Entwicklung keinen nachhaltigen Widerstand entgegen, vielmehr waren CDU/CSU an der allmählichen Dékonstruktion von christlicher Ehe und Familie beteiligt. Seit dem 30.6.2017 ist dieser Widerstand völlig zusammengebrochen. Es war eine "christ"demokratische Kanzlerin, die die "Ehe für Alle" möglich machte. Nun ist aber die Ehe für Alle, so etwas wie das Abitur für Alle, ein Muster ohne Wert.

Die Entwicklung begann in den Sechzigern mit einer scheinbar bedeutungslosen Änderung des Sexual-Strafrechts. Man wollte, so die damaligen Koalitionsparteien, nämlich CDU und SPD, das Sexualstrafrecht auf "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" konzentrieren. Das Sexualstrafrecht sei nicht dazu da, sittliche Normen zu verteidigen. Aus dem StGB-Kapitel "Verbrechen und Vergehen wider die Sittlichkeit" (RStG 1871) wurde das Kapitel "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung". Außereheliche Sexualität wurde entkriminalisiert, die Prostitution wurde teilweise legalisiert, der Straftatbestand des Ehebruchs abgeschafft, Homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen waren nunmehr straflos, und Pornographie wurde weitestgehend zugelassen. 

Daß diese Maßnahmen - von den Sexualrevolutionären als zu wenig weitgehend kritisiert - fatale Spätfolgen hatten, wissen wir heute. So hat der inzwischen praktisch unbegrenzte Zugang zu Pornographie die sexuellen Beziehungen regelrecht vergiftet, Promiskuität wurde zur vorherrschenden Kultur, Prostitution ist eine "normaler Beruf", Ehebruch ist geradezu chique.

Es folgte nach 1969 eine bis dahin beispiellose Erosion von Straf- und Familienrechtsvorschriften die dem Schutz und der Sicherung der "Alleinstellung" der Ehe dienten: Abschaffung des Schuldprinzips bei Ehescheidungen 1976 (SPD/FDP), Einführung der "Eingetragenen Lebenspartnerschaft" 2001(SPD/Grüne), Legalisierung der Prostitution 2002 (SPD/Grüne), Abschaffung des "Betreuungsunterhalts" (den die geschiedenen Mütter ehelicher Kinder beanspruchen konnten) 2008 (CDU/CSU/SPD), und schließlich als Höhepunkt die Homo-Ehe,  "Ehe für Alle" genannt 2017 (CDU/SPD/FDP/Grüne/Linke). CDU/CSU waren daran beteiligt, oder leisteten nur hinhaltenden Widerstand.

Wohlmeinende neue "soziale Rechte" gehören ebenfalls in diese Kategorie. Der Anspruch auf einen "Kindergartenplatz" wurde 1996 /CDU/CSU/FDP) geschaffen. Mit den Folgegesetzen, die eine forcierte Verstaatlichung der Kindererziehung förderten, erfüllte ausgerechnet Kohl einen zentralen Programmpunkt des "Kommunistischen Manifests".

Auch die Änderung des Abtreibungsrechts gehört hierher. Es ist kaum etwas so essentiell Christliches zu finden, wie das Verbot der Abtreibung. Das Verbot der Kindstötung und Abtreibung gehört wie das Scheidungsverbot zu den frühchristlichen "Alleinstellungsmerkmalen" mit dem sich Christen in der Antike von ihrer Umwelt unterschieden, und schließlich diese Umwelt überflügelten. Auch hier begann die Erosion schon 1969 mit der Herabsetzung der Strafandrohung für die Abtreibung.

Die Reform des § 218 in den 70iger Jahren war keineswegs so kontrovers, wie man annehmen könnte. Vielmehr stritt hier die "Indikationenlösung" (CDU/CSU) gegen die "Fristenlösung" (SPD/FDP). Auch die CDU/CSU war damals keineswegs mehr auf ihrem ursprünglichen programmatischen Stand. Heute ist das "unantastbare Recht der Ungeborenen auf Leben " der sich etwa im CSU Programm von 1957 findet, längst von den christdemokratischen Parteien ad acta gelegt. Grußadressen einzelner Abgeordneter an den in Deutschland besonders kümmerlichen "Marsch für das Leben" stellen das Alleräußerste dar, was sich ein Christdemokrat heute leisten kann.

Keine Partei würde es heute wagen, noch eine Re-Form des § 218 zu fordern.

Geburtsfehler und Ursünde der Christdemokraten

Wenn man nun die vergangenen sieben Jahrzehnte betrachtet, bleibt ein deprimierendes Ergebnis. Am Anfang dieser Geschichte, der Geschichte der christlichen Politik in der Bundesrepublik Deutschland, schien es zunächst nicht wichtig, daß die Christdemokraten programmatisch eben so diffus waren, wie es eine Sammlungspartei, als die sich die CDU/CSU von Anfang an verstand, ja notwendig war. Das christliche momentum war noch stark genug, um die Politik auf christlichen Kurs zu halten. Die Erfahrungen des Nationalsozialismus hatten zu einer Stärkung der christlichen Kultur geführt. Selbst "Kulturatheisten", wie das Ehepaar Loki und Helmut Schmidt, traten der Evangelischen Kirche bei, um ein Zeichen zu setzen

Am Ende aber führte das Fehlen einer politischen Konkurrenz und die politische Unverbindlichkeit einer ja bewußt als programmatisch offene Sammlungspartei gegründeten Christdemokratie zur Selbstzerstörung.

Warum begnügten sich die ehemaligen christlich-konservativen Politiker des Zentrums, die 1945 die CDU mitbegründeten , nicht mit der Neugründung des Zentrums?

Es gibt mehrere Gründe. Ein sehr honoriger war, daß man mit den Kampfgenossen des Widerstands weiter zusammenarbeiten wollte. Die durchaus richtige Auffassung, daß die Zersplitterung der christlichen, liberalen und konservativen Kräfte zum Sieg des Nationalsozialismus beitrug, legitimierte noch zusätzlich das Konzept der "Sammlungspartei". 

Der "Adenauerismus"

Ein weniger honoriger Grund aber war, daß man die Macht nicht mit Konkurrenten teilen wollte. So wurde die konservativ-protestantische DP  mit dem Mittel des Wahlrechts liquidiert. CDU/CSU und FDP schufen ein Wahlrecht, daß die überregionalen organisierten Parteien bevorzugte, die regional orientierten Parteien benachteiligte. Dies war das Ende von regional starken, aber national schwachen Parteien wie Zentrum, DP, GB/BHE und Bayernpartei.

Verbunden war diese Politik vor allem mit der Person Adenauers. Er war gleichsam der Bismarck der Nachkriegszeit. Effizient, aber tödlich.

Endspiel

Es blieb eine Partei, die dem Drängen des Zeitgeistes nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Die Breiigkeit der aktuellen deutschen Politikszene, hat ihre Ursache vor allem in der programmatischen Unschärfe des Personals und des Programms der größten deutschen Partei, der CDU. Was dies für das christliche Anliegen bedeutet, hat der manchmal kauzige, nicht immer kluge, aber immer hörens- und lesenswerte und urkatholische Dr. phil. Norbert Blüm in einem zutiefst traurigen Kurzbeitrag wie folgt zusammengefasst:
Wahr ist, dass meine Partei Ehe und Familie dem Zeitgeist ausgeliefert hat. Dabei ist die Ehe vielleicht die letzte antikapitalistische Gemeinschaft, in der nicht „mein“ und „dein“ gilt, sondern „wir“. Wir sind dabei, die Ehe in einer reinen Geschäftsbeziehung aufzulösen. Das führt in eine tiefe Unsicherheit. Auf nichts mehr ist Verlass. Alles wird eine Sache des Geldes. Ich glaube, dass es in dieser globalisierten Welt dennoch eine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit und ein Bedürfnis nach Privatheit gibt. Familie ist der Versuch einer Antwort darauf. Jetzt geht es – auch meiner Partei – nur noch um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Bei näherem Hinsehen handelt es sich um die Unterordnung der Familie unter die Belange der Wirtschaft.
Es gibt sie noch, die guten Dinge

Für meinen Teil ging es nun zurück zur "Zentrums"-Partei. Ob das für andere gelten kann, weiß ich nicht. Ich wäre glücklich, wenn sich ein paar meiner alten Freundinnen und Freunde anschließen. Und ich wäre froh, gäbe es wenigstens eine Partei, bei der ich mein einsames Kreuzchen bei den nächsten Wahlen machen könnte, ohne Magengrimmen und ohne das Gefühl, wieder nur das "kleinere Übel" oder die "Protestpartei" zu wählen. 

Sicher, es gibt andere, sogar größere christliche Kleinparteien. Aber was haben die zu bieten gegen eine Partei, die der vielleicht bedeutendste christliche Politiker der deutschen Geschichte  mitbegründet hat, der Bischof und "Vater" der katholischen Soziallehren, Wilhelm Emmanuel von Ketteler? Was übertrifft die von Ketteler begründete Katholische Soziallehre?

Ich habe aus der Geschichte der CDU, der ich einige Jahre angehört, und die ich viele Jahrzehnte zumindest mit der Erststimme gewählt habe, gelernt, daß Sammlungsparteien stets der Schwerkraft folgen. Der Schwerkraft des Zeitgeistes. Man will ja nicht nur gewählt werden, was auch das Ziel ideologisch klarer Parteien ist, man will koste es, was es wolle, Wahlen gewinnen und um buchstäblich jeden Preis regieren. Und sei es um den Preis des Untergangs der eigenen Idee.

In Gefahr und größter  Not bringt der Mittelweg den Tod. (Friedrich von Logau 1605 - 1655)


Anders sein und anders scheinen,
Anders reden, anders meinen,
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, stets behagen,
Allem Winde Segel geben,
Bös’ und Guten dienstbar leben,
Alles Tun und alles Tichten
Bloß auf eignen Nutzen richten:
Wer sich dessen will befleißen,
Kann politisch heuer heißen. (ebender, 1654)

Samstag, 6. Januar 2018

Erbarmen! 68 wird 50! (Erster Teil)

Anti-Schah-Demo 1967
Mich graust´s. Jetzt kommen sie zuhauf, die wankenden Gestalten. Die halbgebildeten 68er-Groupies, die 68 noch in die Windeln schissen oder gerade mal das ABC lernten, die aber mit himmelwärts verdrehten Augen die vorgeblich große emanzipatorische Leistung der 68er belobhudeln, und die andere Sorte, für die der 68er der schlechthinnige Gottseibuns ist, der den ganz großen Kulturbruch zu verantworten hat, von der Legalisierung von Marihuana, über die allfällige Linkshuberei, die gottverdammte Hippierepublik Deutschland, die sogenannte sexuelle Revolution, den durchgeknallten #aufschrei-Feminismus, den grauen Multikultibrei und schließlich noch das schlechte Wetter.

Außerdem sollen wir, jaja, ich bin ein 68er, auch noch für die "Grünen" uns schuldig bekennen. Das ist eindeutig zuviel des Schlechten.

Schlagt mich, ich bin ein 68er! Warum aber nicht 52er, 60er, 61er, 67er, 69er, 71er, 75er oder 80er?

Vor- und Nachgeschichte. 68 war nur ein Punkt, nicht einmal der wichtigste in einer sich über Jahrzehnte, teilweise mehr als ein Jahrhundert hinziehenden Entwicklung, die die Welt auch ein bißchen besser gemacht hat, aber auch viel, viel schlechter.

Befassen wir uns also mit den Wendepunkten der Geschichte. Oder besser der Geschichten, den diese Geschichten wuchsen, obwohl sie nicht zusammengehörten, zur breiigen Gegenwart zusammen, die ich gerne die "Blechernen Zeiten" nenne.

Die Anti-Baby-Pille, der entscheidende Anstoß für die sogenannte "sexuelle Revolution" wurde im Jahr 1960 entwickelt und seit dem 1.6.1961 unter den Namen "Anovlar" hergestellt und vermarktet.

Die wichtigste Propagandistin der Anti-Baby-Pille und maßgebliche Unterstützerin der Entwicklung der Pille, Margaret Sanger, die Gründerin von "Planned Parenthood" gründete ihre "American Birth Control League" bereits 1921. "Planned Parenthood" entstand 1942, die deutsche Tochterorganisation mit dem zynischen Namen "pro familia" 1952.

1963 wurde John F. Kennedy ermordet. War das ein Wendepunkt der Geschichte? Charles Murray sagt ja, ich sage nicht nein.

Die Hippiebewegung hatte nach dem "Summer of love" 1967 ihren Höhepunkt glücklicherweise bereits überschritten. Scott Mckenzie hatte seine unerträgliche Schnulze "San Franzisco" in ebendiesem Jahr verbrochen. 

Das Woodstock-Festival fand vom 15. zum 17. August 1969 statt.

Die linke Studentenbewegung in Deutschland wurde durch die Ermordung (ich glaube bis heute nicht an einen Unfall) des Studenten Benno Ohnesorge durch den Stasi-Agenten Karl-Heinz Kurras am 2.6.1967 angestoßen.

Nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 fanden deutschlandweit Blockaden der Druckereien des Springer-Konzerns statt. Bei den Unruhen an Ostern 1968 kamen zwei Menschen ums Leben.

Der Pariser Mai fand in der Tat im Jahre 1968 statt.

Die linke deutsche Frauenbewegung hatte im September 1968 ihren ersten Aufstand auf der SDS Delegiertenkonferenz im Sept. 1968: "Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen"

Der Startschuss der von Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer initiierten "genderistischen "Frauenbewegung war mit der morbiden Selbstbezichtungskampagne "Wir haben abgetrieben" im "Stern" am 6. Juni 1971 zu hören.

Den Anfangspunkt der Umweltbewegung könnte man auf den 17. Februar 1975 (Bauplatzbesetzung in Whyl) festsetzen.

Am 12/13.1. 1980 findet der Gründungsparteitag einer Partei statt, die sich zu den Grundsätzen "Ökologisch, Basisdemokratisch, Sozial, und Gewaltfrei" bekennt. Arbeitstitel: Die Grünen.

Das ist nicht beckmesserisch. Ich will damit zunächst nur sagen - um eine Runde Mitleid heischend - daß wir armen 68er nicht für alles verantwortlich sind, und schon gar nicht für das "links-rot-grün versiffte 68er-Deutschland".

In Wahrheit wuchs  in den 70iger und 80iger Jahren zusammen, was nicht zusammengehörte.

Margaret Sanger halte ich für eine der finstersten Gestalten des 20. Jahrhunderts. Ihr Ziel war keineswegs die "Befreiung der Frau", oder, wie es heute so beschönigend heißt, die "sexual and reproductive rights" der Frauen, sondern "to raise the level and increase the intelligence of the population." Auch durch Zwangssterilisation und schließlich durch die Internierung von "certain dysgenic groups." (Plan for peace 17. Jan. 1932). 

Was hatte diese fanatische Rassistin und gnadenlose Eugenikerin mit der "Frauenbefreiung" zu tun?

Waren die "Blumenkinder" harmlos, oder nicht vielmehr mit ihren Konzepten von "freier Liebe" verantwortungslos? Und was war an den Hippies eigentlich "links"? Der in einem Atomkraftwerk beschäftigte und in der IGBCE organisierte Facharbeiter ist jedenfalls der Antipode der militanten Hippies die nicht nur gegen den Atomtod sondern gleich auch noch gegen die Atomkraft demonstrierten,

Daß sich die SPD schließlich als die Partei der Anti-Atomkraft-Hippies verstand, gehört zu den berüchtigten "Treppenwitzen der Geschichte". Das Volk hat es der SPD nicht gedankt.

Daß Wilhelm Reich und die Reichisten, die Empfängnisverhütung und Abtreibung unverblümt als Voraussetzung der "general copulation" ansahen, nicht die Interessen der Frauen vertraten, war den Feministinnen der 68er Jahre zumindest geläufig. Den späteren, vor allem denen, die zu Redakteurin der Dumpfpresse aufstiegen, nicht.

Zur Ehrenrettung der 68er: das kann man nachlesen: die "sexuelle Revolution" in der Version von Reich, Kolle et. al. war nie unser Ding. Der einflußreiche ehemalige SDS-Vorsitzende Reiche warnte vor der "repressiven Entsublimierung" und später der "Homosexualisierung der Gesellschaft". Das der als Chef-Sexualtheoretiker des SDS unbestrittene Reiche die Propaganda der Promiskuitäts-Propheten gegen Ehe und Treue heftig bekämpfte, kann man nachlesen. Wenn man will. Man wollte eigentlich noch nie, stattdessen gruselte man sich lieber über die libertinäre Kommune 2, die Reiche, der an Liebe, Treue und Ehe glaubte, eher an das "exhibitionistische Verwalten zwanghaft promiskuitiver Eheleute" erinnerte.

Ein Prediger in der Wüste. Reiche warnte vor der sexuellen und emotionalen Abstumpfung, die sich heute im allgemeinen und massenhaften Konsum einer sexualtechnisch pervertierten Pornographie äußert, völlig vergebens.

Wird fortgesetzt.

Mittwoch, 3. Januar 2018

Monogamisch: Liebeskrieg im Hause Jakob

Rachel und Lea (Gustav Doré)
Man kann die Bibel als "Tagebuch der Menschheit" lesen. Das entsprechende Buch habe ich vor einiger Zeit gelesen. Ein Text, der für gläubige Christen so manches bietet, über das man sich empören könnte. Zum Beispiel die These, daß unser Glaube einer historischen Entwicklung unterworfen war ebenso wie unser christliches Recht. Wenn Jesus Christus in Bezug auf die Ehe (Matth. 19,8) behauptet, daß "am Anfang" keine Ehescheidung war und wohl auch keine Polygynie, meinte er, wie es "war", oder wie es "gemeint war"?

Die wissenschaftliche Anthropologie ist sich heute sicher, daß die zweite Auslegung richtig ist. Genetische Untersuchungen der unterschiedlichen Varietät der nur von der Mutter an ihre Kinder vererbten mitochondrialen DNA und des nur von dem Vater an den Sohn vererbten nicht rekombinierenden Y-Chromosoms zeigen, daß wir doppelt so viel Urmütter als Urväter haben. Das gibt nur dann einen Sinn, wenn man annimmt, daß in der Vergangenheit - wir sprechen von einem Zeitraum von 100.000 Jahren -  die Hälfte aller Männer von der Fortpflanzung ausgeschlossen waren. Es fand also eine sexuelle Selektion statt. Und diese Wahl trafen die Frauen, nicht die Männer - so die Anthropologie.

Behalten wir das im Hinterkopf und lesen die Geschichte von Jakob, Leah und Rachel.

Jakob flüchtet, nachdem er seinen Bruder (oder, nach anderer Lesart, Halbbruder) Esau mit Unterstützung seiner Mutter Rebecca um sein Erstgeburtsrecht und auch noch um den väterlichen Segen betrogen hat, zu seinem Onkel Laban. Erstens weil ihm sein Bruder Esau gedroht hatte, ihn umzubringen, wofür auch der Chronist der Bibel ein gewisses Verständnis zeigt, und zweitens, weil er seine Frau nicht unter den Töchtern Kanaans, sondern unter den Töchtern Labans suchen wollte.

Er traf auf Leah und Rachel. "Sed Lia lippis erat oculis, Rachel decora facie et venusto aspectu" berichtet uns die Vulgata. (Genesis 29, 17). Lia  (Leah) war triefäugig, Rachel dagegen hatte ein hübsches  Gesicht und eine schöne Gestalt.

Die rabbinische Exegese hat da eine etwas andere Sicht der Dinge. Triefäugigkeit (Blepharitis) ist eine chronische Erkrankung des Lidrandes. Kaum vorstellbar, daß Jakob mit einer dermaßen entstellten Frau sechs Söhne und eine Tochter gezeugt hätte. Raschi, der berühmte jüdische Exeget der Schrift meint, daß Leah schlicht verheult war. Sie war nämlich als die ältere Tochter als Frau von Jakobs Bruder Esau ausersehen. Der aber habe (so Raschi) eine schlechten Ruf als Heide und Ehebrecher besessen. (Rashi schließt da möglicherweise vom Stamm der Edomiter auf ihren Urvater Esau). Eine Wahl, über die Leah so unglücklich war, daß sie garnicht mehr aufhören wollte, zu weinen.

Rachel, die die Schafe zur Tränke trieb, kam nun Jakob am Brunnen als erste entgegen - unverschleiert und ohne Walle-Walle-Kleidung wie zu dieser Zeit üblich - und gab ihm auch noch einen Kuß. Jakob verliebte sich und hielt um die Hand Rachels an. Eine Wahl, über die Laban nicht erfreut, aber vor allem Leah sehr, sehr unglücklich war. Laban schob bekanntlich in der Hochzeitsnacht Leah seinem Schwiegersohn Jakob unter, und als der am Morgen neben Leah aufwachte und sich beschwerte, verlangte Laban, daß Jakob zunächst weitere sieben Jahre zu dienen habe, bevor er auch Rachel heiraten dürfe.

Lassen wir das mal auf uns wirken. Hatte Rachel das Zusammentreffen am Brunnen arrangiert? Ziemlich sicher, denn auch die Bibel stellt es als ungewöhnlich dar, daß eine Frau die Schafe zur Tränke treibt. Und bestimmt hatte sie dafür gesorgt, daß ihr hübsches Gesicht und ihre schöne Gestalt angemessen zur Kenntnis genommen wurden. Ein Begrüßungskuß war unter Verwandten üblich, hier diente er mit Gewißheit einem weiteren Zweck.

Steckte hinter dem Schwindel in der Hochzeitsnacht nur Laban? Es war ungehörig, um eine jüngere Tochter zu werben, wenn die ältere noch unverheiratet war. Aber wie jeder andere gute Vater, rührte Laban auch das Liebesleid seiner Tochter Leah, die sich vor Unglück die Augen ausheulte. Es spricht einiges dafür, sagt der Kriminalist, daß vor allem Leah das stärkste Motiv für diesen Betrug hatte.

Nach jedem Sohn, den Leah Jakob gebar, hoffte sie, nun werde sich Jakob ihr doch zuwenden. Auch der HERR, dem es mißfiel, daß Jakob nur eine seiner beiden Frauen wirklich liebte, schlug sich auf Leahs Seite, indem er Leah fruchtbar, Rachel aber unfruchtbar machte. Die Namen ihrer vier ersten Söhne geben Leahs Hoffnung Ausdruck: Ruben - Sohnessicht; Simon - Erhörung; Levi - Anlehnung; Juda - Danksagung. Nun war es an Rachel, da sie keine eigenen Kinder bekam, nötigte sie Jakob - der ,, to say the least, nicht ganz damit einverstanden war - mit ihrer Sklavin Bilha Kinder zu zeugen: Dan - Urteiler; Naftali - Wettkämpfer. Auch Leah, die eine Gebärpause einlegt, greift nun zum selben Mittel. Jakob soll mit ihrer Sklavin Silpa Kinder zeugen. Gad - Glück und Ascher - Selig.

Jakob scheint von diesem Gebärkampf etwas ermattet gewesen zu sein, denn als Ruben bei der Feldarbeit Alraunen findet, die nach antikem Glauben als Liebeszauber dienen können,  erbittet Rachel von Leah, daß sie ihr von diesen "Minneäpfeln" wie sie Buber nennt, etwas abgibt. Leah reagiert erbost. Rachel habe ihr bereits ihren Mann abspenstig gemacht, nun wolle sie auch noch die Alraunen haben.

Rachel handelte darauf mit Leah aus, daß sie die Alraunen bekommt, Leah dafür mit Jakob schlafen darf. Die folgende Szene im Wortlaut: "Als Jakob des Abends vom Feld kam, trat ihm Lea entgegen und sprach: Zu mir mußt Du kommen, denn ausbedungen habe ich dich um die Minneäpfel meines Sohnes." (Buber, Die Schrift, 30, 16). Und Lea gebar ihm zwei weitere Söhne: Jisachar - Gedingelohn und Sbulun - Aufrichtung. Schließlich noch eine Tochter - Dina.

Es stand in etwa nun 10 zu 2 gegen Rachel und endlich hatte der HERR Gnade mit ihr und sie gebar Josef - der Herr richtet mich auf.

War nun Frieden? Nein, wie wir wissen, wollen die Söhne von Bilha, Silpha und ein Teil der Söhne Leahs, Rachels Sohn Josef umbringen und lassen sich gerade noch von den mit Josef näher verwandten Söhnen Ruben und Juda davon abbringen. Juda rettet ihm das Leben, indem er die Sippschaft dazu bewegt, ihn nur als Sklaven zu verkaufen.

Fassen wir also zusammen: Jakobs Mutter ist daran beteiligt, ihrem Lieblingssohn Jakob den Segen Isaaks zu verschaffen.  Rachel sorgt dafür, daß Jakob sie als erste trifft und ihr ganz nahe ist - Nahkampf. Leah setzt Tränen ein, um Esau nicht heiraten zu müssen, sondern Jakob heiraten zu dürfen. Die beiden Frauen kämpfen mit allen Mitteln um den gemeinsamen Mann, Leah zettelt einen Gebärwettstreit an, Rachel setzt auf Liebeszauber.

Und Jakob? Hat offenbar nicht viel zu sagen.

Die Wissenschaft von der Anthropologie sagt uns, daß wir uns so in etwa die menschliche Vorgeschichte vorstellen müssen.

Die Bibel zeigt uns, daß die monogame Ehe mindestens die friedlichere Variante des ehelichen Zusammenlebens sein muß. Denn die stets nicht ganz freiwillige Polygynie der Erzväter hat ihnen eine ganze Menge Zank und Streit gebracht.

Monogamisch ist übrigens die Bezeichnung der Anthropologen für die mutmaßlich vorherrschende Lebensweise der Menschheit. vorwiegend monogam, aber strecken- und zeitweise polygyn. Übrigens niemals polyandrisch.

Wer die Polygnie übrigens für eine Männerfantasie hält, sollte sich die Berichte der Bibel näher ansehen.

Freitag, 29. Dezember 2017

Böller für Brot

Die "Girandola"von 1775 gemalt von Jakob Philipp Hackert
Die protestantische, oder besser gesagt, puritanische Kampagne, wonach man bitte sehr für "Brot statt Böller" spenden solle, verleitet mich jedes Jahr dazu, nun erst recht Böller zu kaufen.

Ich halte es lieber mit dem mythischen Erfinder des Neujahrsböllers, dem chinesischen Mönch Li Tan. Li Tan wirkte in der östlichen Provinz Hunan zur Zeit der Tang-Dynastie (618-907 A.D.). Die Provinz plagten regelmäßig Überschwemmungen und nachfolgende Dürren, Mißernten führten zu Hungersnöten. Den Chinesen war, wie jedem vernünftigen Menschen, klar, daß dahinter nur ein böser Geist stecken konnte.

Li Tan, der sich mit der modernen Technik des Feuerwerks auskannte, machte sich daran, diesen Geist mit ohrenbetäubenden Chinaböllern auszutreiben.  Li Tan war sehr erfolgreich, und die Hunan-Chinesen lebten nach Li Tans Feuerwerk glücklich und zufrieden. Sie bauten Li Tan einen Tempel und ehren den pyromantischen Mönch jedes Jahr bis heute mit einem Feiertag am 18. April. Die Heimatstadt Li Tans, Liuyang, gilt heute als die Welt-Hauptstadt des Feuerwerks. Die Region um Liuyang ist die weltweit wichtigste Produktionsstätte für Feuerwerk.

Wer so einen Böller kauft und zündet, sollte sich also darüber im klaren sein, daß er eine apotropäische Handlung vollzieht. Er zündet einen Böller, der nach alter chinesischer Auffassung die Dämonen vertreibt und Glück verbreitet. Die Farbe der Böller ist übrigens immer rot, weil rot in China als Glücksfarbe gilt, es ist Sitte, die roten Papierfetzen mindestens einen Tag liegen zu lassen, denn um so gründlicher verbreitet sich der Segen.

Daß die protestantischen Dauerspielverderber irgendwann auf die Idee kommen würden, den Menschen das Feuerwerk zu vermiesen, war ja schon klar.  aber im Prinzip haben sie nicht die mindeste Chance gegen die religiöse Intuition des Mönches Li Tan, der böllerte, damit die Menschen Reis hatten.

In unserem Herzen wissen wir alle, daß die Welt von bösen und guten Geistern bevölkert ist. Es ist uns auf den Leib geschrieben.  Außerdem können wir es in der Bibel nachlesen. Das Neue Testament berichtet von 12 Dämonenaustreibungen durch Jesus Christus, und von elf Dämonenaustreibungen durch die Apostel. Die Kirche also hat nicht etwa negiert, daß sich auf dieser Erde Dämonen herumtreiben, sie hat vielmehr die Dämonenaustreibung organisiert. Der dritte Weihegrad der niederen Weihen, die bis zum 2. Vaticanum jeder Priester durchlaufen mußte, war der des Exorzisten, es gab ihn seit dem dritten Jahrhundert.

Li Tan tat nichts anderes als die Exorzisten der katholischen Kirche, er vertrieb Dämonen. Wenn wir also einen roten Böller zünden,  erkennen wir an, was die Kirche anerkennt: es gibt Dämonen, und wir müssen etwas gegen sie tun.

Die Päpste der Renaissance hatten im Gegensatz zu den protestantischen und protestantisierenden Christen der heutigen Tage eine gänzlich entspannte Haltung zur Kunst des Feuerwerks. Kein Geringerer als Michelangelo Buonarotti soll das erste Feuerwerk zu Ehren der Apostelfürsten Petrus und Paulus am 29. Juni auf der Engelsburg inszeniert haben. Auch Bernini hat sich als Feuerwerker betätigt.

Die Girandola di Castel Sant´ Angelo wird schon seit dem 15. Jahrhundert inszeniert, das "Feuerrad" (Girandola) brannte zu jedem Apostelfest, aber auch zu Papstkrönungen und zu Ostern, bis zum Jahr 1887, als der nunmehr säkulare Magistrat der Stadt Rom das Feuerwerk unmöglich machte und schließlich verbot.

Es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß der antikatholische Furor, der nach 1870, dem Ende des Kirchenstaates, die italienische Politik und die Stadt Rom beherrschte, dazu beigetragen hat, dieses Licht auszulöschen. 1889 errichteten die Freimaurer auf dem römischen Campo die Fiori einem der vermeintlich ihren, dem Ketzer Giordano Bruno, ein Denkmal.

Ich für meinen Teil werde am 31.12. zu Ehren des chinesischen Mönchs Li Tan und in Gedenken an den katholischen Feuerwerker Michelangelo Buonarotti um Punkt 24 Uhr den dicksten roten Chinaböller anzünden, den ich habe.

Freitag, 22. Dezember 2017

Nur ein neues (altes) Wahlrecht wird Deutschland vor dem Schicksal eines "failed State" bewahren.

Broschüre der SPD von 1910
Jetzt verhandeln sie wieder. Diesmal in der Variante Schwarz-Rot. Die letzten Verhandlungen über die Gründung einer schwarz-gelb-grünen Koalition sind geplatzt. Was mich wundert, ist, daß sich jemand darüber wundert. Gerade hat sich die FDP dazu durchgerungen, aus der linksliberalen Sackgasse herauszukriechen, da mutet man ihr zu, mit einer (schwarzgrünen) Partei zu koalieren, deren fanatischer Egalitarismus den geistigen Abgrund von Multikulti und Gender-Gaga erreicht hat.

Das womöglich irrste Wahlrecht der Welt hat an einer Situation, wo es nicht gelingen will, eine vernünftige Regierungskoalition zu schmieden, einen erheblichen Anteil.

Zwei Zahlen sollten genügen, um den Wahnwitz unseres über fast 70 lange Jahre immer wieder verschlimmbesserten Wahlrechts zu illustrieren. Nach dem Bundestagswahlgesetz von 1949 sollten in 242 Wahlkreisen Direktkandidaten gewählt werden, 158 weitere Bundestagsmandate sollten nach Listen gewählt werden. Insgesamt hatte der Bundestag 400 Sitze, es wurden wegen des "personalisierten Verhältniswahlrechts", bei dem es zu Überhangmandanten kommen kann, 402 Parlamentarier. 2017 wurden in 299 Wahlkreise ebensoviele Direktkandidaten gewählt, durch den vollständigen Ausgleich der Überhangmandate blies sich das Parlament auf 709 Bundestagsmitglieder auf. Standen 1949 242 direkt gewählten Parlamentariern 160 über Landeslisten gewählte Parlamentarier gegenüber, waren es 2017 299 direkt und 410 über Parteilisten indirekt gewählte MdBs.

Der Parteienstaat triumphiert.

Wie aber ist es dazu gekommen? Das Kaiserreich ist mit einem dem romanischen Mehrheitswahlrecht ähnlichen Wahlrecht gut gefahren. Bei diesem Wahlrecht war zunächst im Ersten Wahlgang der Kandidat gewählt, der die absolute Mehrheit der Stimmen erreichte. Erreichte kein Kandidat die absolute Mehrheit, fand zwischen den beiden erfolgreichsten Kandidaten eine Stichwahl statt. Das zwang die Parteien, sich zu Wahlbündnissen zusammenzutun und führte zu einer homogeneren Zusammensetzung des Reichstags. Das Wahlrecht führte zwar zu Verzerrungen, dennoch hatten auch kleine, regional einflußreiche Parteien eine Chance. Im letzten Reichstag des Kaiserreichs waren 13 Parteien vertreten, mehr als doppelt so viele als im heutigen Bundestag. Zwar wichen Wähleranteil und Sitzanteil voneinander ab, aber weit weniger krass als mit unserer heutigen 5%-Klausel, die im schlimmsten Fall dazu führt, daß deutlich mehr als 10% der Wählerstimmen unberücksichtigt bleiben.

Die Republikaner, die die Weimarer Republik beherrschten, insbesondere Linksliberale, Christdemokraten (Zentrum) und Sozialdemokraten wollte es anders. Die Weimarer Republik führte ein radikales Verhältniswahlrecht ein. Anders als immer behauptet, führte dieses Wahlrecht nicht zu einer stärkeren Zersplitterung der Parteienlandschaft. 1930 waren 13 Parteien im Parlament vertreten, berücksichtigt man die Spaltung der Sozialdemokraten in Sozialdemokraten und Kommunisten und die Spaltung des Zentrums in Zentrum und Bayerische Volkspartei, waren es sogar weniger Parteien als im Reichstag des Kaiserreichs.

Nicht die Zersplitterung der Parteienlandschaft war die fatale Folge des neuen Wahlrechts, sondern eine radikale Änderung des Verhältnisses von Wählervolk, Parteien und Abgeordneten. Die Abgeordneten konnten sich nun nicht mehr als Vertreter des Volkes verstehen, sie waren vielmehr Mandatare ihrer Partei, die sich wiederum nicht als Partei verstand, die eine definierte Ideologie verfolgte, sondern als Interessenvertreterin einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. Dies war nicht immer schon so. Man unterstellte zwar den klassischen Parteien der Liberalen und Konservativen, daß sie Klassenparteien waren, sie waren es nach ihrem Selbstverständnis nicht.

Anders die modernen Parteien. Das 1870 gegründete Zentrum verstand sich explizit als Interessenvertretung der im Kaiserreich benachteiligten und unterdrückten Katholiken. Die ersten beiden Programmpunkt des berühmten - und im übrigen zukunftsweisenden - Soester Programms stellen klar, daß es den organisierten Katholiken explizit um sich selbst und um den "Proporz" ging, so Punkt 2. des Programmes. Für die weitere Entwicklung siehe Max Webers "Politik als Beruf", wo er explizit das Proporzdenken des Zentrums kritisiert. Die Sozialsten sahen sich schon von Anfang an als "Klassenpartei", und steckten andere Parteien, etwa die Linksliberalen der FVP - übrigens Bündnispartner der Sozis - mit diesem Denken an.

Der politischen Lebensweg Karl Friedrich von Savignys ist für diese Entwicklung symptomatisch. Ursprünglich Teil der konservativen preußischen "Kamarilla", dann Abgeordneter der Freikonservativen Partei im Parlament des Norddeutschen Bundes trat von Savigny1871 dem Zentrum bei, und übernahm dort bis zu seinem Tod führende Positionen. Von Savigny zu Ehren sollte man aber nicht unerwähnt lassen, daß die Katholiken des Reichs nur wenig Alternativen zur Bildung eines Schutzbundes hatten.

Die Parteien sahen nun die Wähler als "ihre" Wähler, und die Mandatsträger als "ihre" Mandatsträger, die man mit Abgaben an die Partei und im schlimmsten Fall sogar mit einem "imperativen Mandat" malträtieren durfte. Das Aufkommen einer Neuen Partei führt dann konsequenterweise zu massiven Protesten der bisherigen vermeintlichen Eigentümer. Es handelt sich schließlich um "Diebe". Die Brutalität, mit der eine bei Lichte betrachtet völlig unverdächtige nationalliberale Partei wie die AfD angegangen wird, hat ihre Ursache in der weitverbreitesten Todsünde der modernen Politik, dem Neid.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war nun das radikale Verhältniswahlrecht in Verruf geraten, doch die inzwischen wieder dem Mehrheitswahlrecht zugeneigte CDU konnte sich gemeinsam mit der konservativen DP gegen den traditionellen Block aus SPD, KPD und Linksliberalen nicht durchsetzen. Zunächst wählte man 1949 einen faulen Kompromiss: die personalisierte Verhältniswahl. 60% der Abgeordneten sollten in ihren Wahlkreisen direkt gewählt werden, 40% über Listen. Da aber die direkt gewonnenen Mandate wieder von der Gesamtzahl der nach Proporz ermittelten Mandate abgezogen wurden,  wirkte sich dieses Recht im Wesentlichen als Verhältniswahlrecht aus. Die Parteien behielten die Direktmandate, zunächst ohne Ausgleich eventueller "Überhangmandate". Ganze 2 "Überhangmandate" entstanden so 1949.

Der 17. Juni 1953 ist aus zwei Gründen ein Schicksalstag der Deutschen gewesen. zunächst wegen des von der sowjetischen Besatzungsmacht niedergeschlagenen Aufstands in der SBZ, sodann aber wegen der am gleichen Tag stattfindenden Debatte über das Bundestagswahlrecht für die Wahl 1953. CDU und DP schlugen in dieser Debatte ein sogenanntes "Grabenwahlrecht" vor, wonach ein Teil der Abgeordneten nach dem Prinzip der Mehrheitswahl, ein anderer Teil nach dem Prinzip der Verhältniswahl gewählt werden sollte. Der Vorschlag, der einen sinnvollen Kompromiss zwischen den Anhänger der Mehrheit- und Verhältniswahl dargestellt hätte, scheiterte. Stattdessen blieb es bei dem geradezu betrügerischen System der "personalisierten Verhältniswahl". Was dazu zu sagen ist, hat damals der fraktionslose Abgeordnete Freudenberg - noch immer zutreffend - zusammengefasst:
Ich kann nur noch einmal sagen, daß es meines Erachtens für die Demokratie und die demokratische Auffassung unerträglich ist, wenn wir der Bevölkerung vormachen, wir wählen die Abgeordneten in Wahlkreisen, während de facto nicht in Wahlkreisen gewählt wird, sondern die in Wahlkreisen gewählten Abgeordneten einfach auf den Proporz angerechnet werden. Entweder sollten wir den Mut haben, einen klaren und sauberen Proporz zu machen. Dann weiß die Bevölkerung, woran sie ist. Oder aber wir sollten ein klares Mehrheitswahlrecht machen; dann weiß sie auch, woran sie ist. Aber diese Verpanschung der Dinge miteinander muß dazu führen, daß das Ansehen der Demokratie in der Bevölkerung zum Teufel geht. 
Was zu beweisen wahr. Das allerhöchst komplexe System wurde in der Folge so weit verschlimmbessert, daß das BVerfG gleich mehrfach eingreifen mußte.

Der erfolgreiche Unternehmer Freudenberg war übrigens ein dezidierter Anhänger des Mehrheitswahlrechts und weigerte sich deshalb entschieden, auf der Liste der freidemokratischen DVP für den Bundestag zu kandidieren, die ihm eine "Absicherung" auf Listenplatz 2 (hinter Theodor Heuss) anbot. Stattdessen kandidierte er - mit Unterstützung der FDP/DVP - als unabhängiger Kandidat und gewann als einziger parteiloser Kandidat in der Geschichte des Landes seinen Wahlkreis direkt - mit weitem Abstand vor dem Nächstplazierten, einem CDU-Mitglied. 

Eine Diskussion über das künftige Wahlrecht ist überfällig. Daß es so nicht weiter gehen kann, zeigt das Ergebnis der Bundestagswahl 2017 und das elende Gewürge der Koalitionsverhandlungen, die stets davon ausgehen, daß unbedingt eine der Parteien der Linken, die mit weniger als 40% eine krachende Wahlniederlage erlitten hat, in die Regierung eingebunden werden muß. Das dumme Wahlvolk hat die Linke abgewählt. Aber unser Wahlrecht, verbunden mit der Begriffsstutzigkeit einer verkommenen Partitokratie, führt dazu, daß man sie partout wieder in die Regierung "einbinden" muß oder auf Biegen und Brechen einbinden will.

Wie wäre es denn, führten wir zunächst das romanische Mehrheitswahlrecht - nach dem Vorbild Frankreichs ein - um erst dann Neuwahlen durchzuführen? Man kann natürlich die Ergebnisse nicht voraussehen, aber doch, wenn man die Ergebnisse von Sept. 2017 zugrundelegt, vorausahnen.

Nach dem romanischen Mehrheitswahlrecht sind im ersten Wahlgang nur die Kandidaten gewählt, die die absolute Mehrheit der Stimmen erreicht haben. In der Regel werden damit die meisten Wahlsieger erst im zweiten Wahlgang ermittelt. Am zweiten Wahlgang nehmen nur die Kandidaten teil, die im ersten Wahlgang mindestens 12,5% der Stimmen erzielt haben. Im zweiten Wahlgang gewinnt der Kandidat mit den meisten Stimmen.

Im zweiten Wahlgang schließen sich daher die Parteien des rechten oder des linken Lagers zusammen, um einem gemeinsamen Kandidaten zum Sieg zu verhelfen. Koalitionen - die kein Mensch wirklich liebt - müssen sich daher dem Wähler stellen, sie werden nicht in den Hinterzimmern der Partitokraten ausgekungelt.

Die Parteien selbst müssen sich - um den Preis des Untergangs - mit dem häufig gehaßten Konkurrenten zusammentun, auch dies ein durchaus heilsamer Zwangsmechanismus des Mehrheitswahlrechts, denn der böse Feind muß dann möglichst gestern noch schnell zum honorigen Konkurrenten geadelt werden.

In Deutschland könnte sich so mancher darüber freuen, daß die böse Nazi-Partei AfD plötzlich in der Sicht derer, die ihre Unterstützung brauchen, zu honorigen nationalliberalen Bruderpartei sich wandelte, was sie, von gewissen Quertreibern abgesehen, ja auch ist.

Spekulieren wir also einmal los:

Bayern: die ach so geschmähte und totgesagte CSU gewönne von den 45 bayerischen Wahlkreisen teilweise mit der Unterstützung der FDP, der man dann sagen wir mal zwei Wahlkreise "abgeben" müßte, 42 von 45 Wahlkreise, viele davon im ersten Wahlgang. Wahlergebnis: 42 CSU, 2, FDP, 1 SPD.

Sachsen: die CDU wäre ohne die Unterstützung der AfD chancenlos gegen ein rot-rot-grünes Bündnis. Das Wahlbündnis AfD/CDU aber könnte alle Wahlkreise bis auf einen gewinnen, der an die Linke geht. Wahlergebnis: 8 CDU, 7 AfD, 1 Linke. Und die absolute Königin der sächsischen AfD wäre ausgerechnet die mit überwältigendem Ergebnis direkt gewählte Frauke Petry. Kein Gedanke an Parteiaustritt, sondern das Fanal zum innerparteilichen Gegenangriff gegen die Zwergenfraktion.

Hessen: Auch hier würde sich die bürgerliche Mehrheit nur dann in Sitze ummünzen lassen, wenn die CDU mit der FDP und der AfD ein Wahlbündnis eingehen würde. Was spräche dagegen, die gediegen konservative katholische Spitzenkandidatin der AfD in ihrem Wahlkreis zu unterstützen? Dann schrumpften SPD und Grüne in diesem Land nahezu auf Null. Ergebnis; 14 CDU, 4 FDP, 1 SPD und 3 AfD.

Grüne: Wer glaubt, die Grünen verschwänden aus den Parlamenten, führten wir das Mehrheitswahlrecht in seiner französischen Variante ein, täuscht sich. In Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und in Berlin könnten die Grünen ihre Hochburgen verteidigen und zögen gleichzeitig geschrumpft und gestärkt in den Bundestag ein. Die 4 voraussichtlich gewählten baden-württembergischen Bundestagskandidaten wären gestandene Persönlichkeiten, die in der Lage waren, zum Beispiel in Stuttgart und Freiburg gegen die politische Konkurrenz zu bestehen. Sollte ich erwähnen, daß sie alle zum Realo-Lager gehören? Eigentlich überflüssig.

Nordrhein-Westfalen: Die SPD ist keineswegs zum Untergang geweiht, denn in diesem größten Bundesland könnte sie mit einiger Sicherheit 23 Direktmandate erreichen. Ergebnis: 30 CDU, 9 FDP, 23 SPD und 2 Grüne.

CDU/CSU hätten die Mehrheit mit 181 von 299 Sitzen. 139 der CDU und 42 der CSU. Aber es wäre doch eine Mehrheit in der die CSU ein erheblich größeres Gewicht hätte, Denn damit gehörten 23% und nicht nur 18% der CDU/CSU-Fraktion der CSU an. Die gewählten Parlamentarier der CDU müßten sich zudem deutlich machen, daß sie nicht selten nur mit Hilfe von AfD und FDP in das Parlament gelangt waren.

Die FDP wäre mit 26 Mandaten keineswegs schwach, die SPD wäre mit nur 50 Mandaten stark geschrumpft, aber dominiert von den Realpolitikern aus NRW, die da weniger die Oberlehrer als die Malocher repräsentieren. Die Grünen hätten mit 9 Direktmandanten neunmal mehr als bisher, und die Linke könnte mit 5 Mandaten sich darüber Gedanken machen, ob nicht doch der Kurs des absoluten Wahlsiegers Gysi der richtigere sein könnte. Die AfD könnte mit 27 Mandaten auf die Liberalen hinabblicken, wenn auch nur knapp, und auch in dieser Fraktion dominierten nicht die Rabauken, sondern die, die sich in der Öffentlichkeit und vor ihren eigenen Wählern Respekt verschaffen konnten.

Das Parlament wäre deutlich kleiner und sehr, sehr viel feiner. Man könnte sich auf brillante Debatten freuen und auf spannende Abstimmungen. Das unsägliche Partitokratenmillieu der untergehakten Unterdurchschnittlichen wäre Geschichte, die zweitklassigen Listenmandatare völlig ausgerottet.
Fraktionszwang und Kopfnickermentalität gehörten einer dunklen, dunklen Geschichte an.

Wir hätten endlich wieder ein Parlament.

Ach ja: Artikel 38 Absatz I, Satz zwei lautet: "Sie (die Abgeordneten) sind Vertreter des ganzen Volkes (und nicht ihrer Partei) an Aufträge und Weisungen (des Parteivorstands, der Fraktion, der Regierung) nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen. Als Student der Rechtswissenschaften mußte ich auf Anregung meines linksliberalen Professors, der uns öffentliches Recht lehrte, diesen Satz "problematisieren".

Mittwoch, 20. Dezember 2017